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Wo bitte ist die Mitte?

Es gibt Orte, an denen man sich besonders sicher fühlt. Die Mitte einer Brücke zum Beispiel. Oder genau zwischen zwei herabfallenden Klavieren. In der Politik ist es ähnlich: Wer sich in der politischen Mitte verortet, steht grundsätzlich dort, wo es weder links noch rechts gefährlich wird. Die politische Mitte ist ein bemerkenswerter Ort. Niemand weiß genau, wo sie liegt, aber erstaunlich viele wohnen dort. Die Mitte ist ungefähr so präzise wie die Aussage: „Ich bin weder besonders groß noch besonders klein.“ Es sagt vor allem, wo man sich sprachlich nicht verorten möchte. Die Mitte hat nämlich einen entscheidenden Vorteil: Sie muss nicht erklären, was sie will. Es reicht, zu erklären, was sie nicht ist. Nicht links. Nicht rechts. Nicht extrem. Nicht ideologisch. Nicht unrealistisch. Übrig bleibt: die Mitte. Und die Mitte ist bekanntlich vernünftig. Das weiß man schon deshalb, weil sie es regelmäßig selbst betont.

Die Geometrie der Vernunft

Politische Debatten werden deshalb zunehmend zu einer Art Geometrieunterricht. Links ist zu weit außen. Rechts ist zu weit außen. In der Mitte befindet sich das kleine, ordentlich ausgemalte Kästchen der Vernunft. Das Problem ist nur: Eine politische Position wird nicht dadurch „mittig“, dass man sie in die Mitte malt.

Wer beispielsweise eine bestimmte Position zur Migration, zu Steuern, zur Sozialpolitik oder zum Klimaschutz vertritt, hat damit zunächst einmal eine politische Position. Ob sie „Mitte“ ist, hängt davon ab, welche anderen Positionen man danebenlegt. Die Mitte ist also weniger ein fester Punkt als eine bewegliche Markierung auf der politischen Landkarte. Man könnte auch sagen, die Mitte ist der einzige politische Ort, der mitwandert, sobald man ihn erreichen möchte.

Interessant wird es, wenn aus der geografischen Beschreibung plötzlich eine moralische wird. „Mitte“ bedeutet dann nicht mehr nur: ich vertrete Positionen, die ich selbst als moderat einschätze. Es klingt vielmehr wie: ich bin vernünftig. Und wer ist schon gern unvernünftig? Niemand steht morgens auf und sagt: „Heute werde ich eine ideologisch verbohrte Randposition vertreten.“ Die meisten Menschen halten ihre eigenen Ansichten für nachvollziehbar. Auch deshalb ist „Mitte“ ein so komfortables politisches Etikett. Es ist Selbstbeschreibung und Qualitätsurteil in einem.

Die Mitte und die Ränder

Besonders spannend wird es, wenn die Mitte ihre Existenz dadurch definiert, dass sie auf die „Ränder“ zeigt. Die Ränder sind immer irgendwo dort draußen. Sie sind laut und radikal also unangenehm. Die Mitte dagegen ist ruhig und vernünftig.

Wo genau die Grenze zwischen Mitte und Rand verläuft, ist allerdings eine interessante Frage. Eine Position, die vor zwanzig Jahren als selbstverständlich galt, kann heute als konservativ erscheinen. Eine Forderung, die früher als radikal galt, kann später Bestandteil des politischen Mainstreams werden. Die Mitte hat also eine bemerkenswerte Eigenschaft. Sie verändert sich.

Vor einer Wahl wird die Mitte besonders wertvoll. Plötzlich entdecken Parteien, Kommentatoren und politische Beobachter ein gemeinsames Naturgesetz. Die Mitte muss gewonnen werden. Wer „die Mitte“ gewinnt, hat die politische Realität verstanden. Nur ist die Mitte kein Verein mit Mitgliederliste. Es gibt keine Behörde, die einen offiziellen Mittelwert der Bevölkerung berechnet und anschließend die entsprechende Wählergruppe ausweist.

Was ist vernünftig?

Es gibt Menschen mit unterschiedlichen Ansichten. Menschen, die bei einem Thema eher konservativ und beim nächsten eher progressiv denken. Menschen, die wirtschaftlich etwas anderes wollen als gesellschaftspolitisch. Und Menschen, die sich überhaupt nicht in das schöne Links-rechts-Schema einordnen möchten. Die politische Wirklichkeit ist eben leider mehrdimensional. Das ist für politische Schlagworte ausgesprochen ärgerlich.

Vielleicht ist die politische Mitte deshalb weniger ein konkreter politischer Ort als eine Art Sehnsuchtsbegriff. Sie steht für Vernunft, Ausgleich, Maß und Normalität. Und dagegen ist zunächst einmal wenig einzuwenden. Nur sollte man gelegentlich fragen, was sich hinter dem Etikett tatsächlich verbirgt. Denn Politik wird nicht dadurch vernünftig, dass man sie „mittig“ nennt. Und eine Position wird nicht dadurch falsch, dass sie jemand als „links“ oder „rechts“ bezeichnet.

Am Ende bleibt die etwas ernüchternde Erkenntnis: Die politische Mitte ist wie der Mittelpunkt eines Zimmers. Alle können auf ihn zeigen. Aber wenn man genauer wissen möchte, was dort eigentlich steht, muss man schon näher hingehen. Und plötzlich stellt man fest: Da steht gar kein politisches Programm. Da steht ein Schild. Darauf steht: „Bitte vernünftig bleiben.“


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